Bunte Sommerhitze - Holi Festival of Colours

Die Stadt kocht. Ich bin noch unentschlossen, ob ich das als positiv empfinde oder nicht, aber nach einem halben Jahr finnischem Winter ist das ein guter Ausgleich. Addiert man den Sibirischen Winter mit dem nordafrikanischen Sommer bekommt man das, was vor einigen Jahren bei uns noch Frühling hieß und den Grundschulkindern zukünftig wohl nur noch aus Erzählungen geläufig sein wird.

Nachdem also diverse Hitzewarnungen eingegangen sind und alle Großstadtbewohner dazu aufgefordert wurden, das Wochenende in der Horizontalen zu verbringen und ausreichend Wasser zu konsumieren, entscheide ich mich, genau das zu tun, was ich immer tue: das Gegenteil aller gut gemeinten Ratschläge. Zufälliger fallen das heißestes Wochenende des bisherigen Jahres zusammen mit einem von mehreren Holi Festivals in der Stadt. Wer es noch nicht mitbekommen hat (Schade über euch!): Holi Festivals sind ein neuer Trend aus Indien, die seit dem letzten Jahr das Land unsicher... äh, bunt machen. In Indien wird jedes Jahr das Holi Fest begangen um böse Geister zu vertreiben und den Sieg des Frühlings über den Winter zu zelebrieren. Es ist unter verschiedenen Namen bekannt, involviert sind jedoch immer buntes Wasser oder buntes Farbpulver. Der europäische Trend hat das aufgegriffen und lebt vor allem davon, dass junge Menschen ausgelassen zu elektronischer Musik feiern und sich dabei buntes Farbpulver um die Ohren hauen. Das klingt nach Spaß, das muss ausprobiert werden, dachte ich mir. Passend war, dass ich zwei Freikarten für das Holi Festival gewonnen hatte, natürlich erst, nachdem ich mir eine eigene Karte gekauft hatte (Murphy, was ist dein Problem?). Nun gut, Kartenabnehmer und Begleiter findet man schnell und so stehe auch ich bei etwas 35 Grad Schattentemperatur im Reiterstadion in der Nähe vom Olympiastadion. Da, wo sonst Pferde und Reiter über Hindernisse springen, hüpfen einige Tausend weiß gekleidete Menschen über den Rasen. Weiß zu tragen ist ein Muss, wenn man nachher stolz zeigen will, wie schön bunt aussehen kann. Angeblich sind die Farben des Pulver auswaschbar, ob das auch funktioniert, bleibt abzuwarten.





Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und erinnert mich daran, wie schön ein Sonnenhut gewesen wäre. Der wird aber spätestens beim ersten Farbcountdown überflüssig. Ähnlich wie an Silvester wird von 10 runtergezählt, bei 0 wird dann das Farbpulver in die Luft geworfen. Der Effekt aus der Ferne ist verblüffend und schön anzusehen. Allein durch den Farbnebel, in dem man sich wiederfindet, bekommen Haut und Kleidung eine interessante Färbung, spannender wird es aber, wenn man die Farbe direkt abbekommt. Mein Gesicht färbte sich im Laufe des Tages mehrere Male, am intensivsten blieb jedoch eine große Ladung Blau zurück. Vielleicht suchen sie ja noch Statisten für den nächsten Schlumpf-Film...
Mein ehemals weißes T-Shirt erinnert jetzt nur noch an ein Batik-Experiment, dass ich mal im Kindergarten miterlebt habe. Von der Haut geht die Farbe ganz gut ab, nur Pink bleibt hartnäckig auf Händen, Armen, Bauch und Brust zurück. Bodypainting der dauerhaften Art. So wie beim Holi Fest die Schranken zwischen den einzelnen Kasten wegfallen, sind auch wir beim Holi Festival für einen Tag alle gleich, farbig eben.




Trotz (oder gerade wegen?) der Hitze war es sehr authentisch, obgleich man das Holi Festival nicht mit dem originalen Holi Fest vergleichen darf, da hier jede spirituelle Einstellung einer alkohol- und feierwütigen gewichen ist. Spaß macht es allemal, allein der Bilder wegen ist ein Besuch empfehlenswert.

Wer kann, sollte einmal hingehen und im Zweifelsfall die Schutz- oder Taucherbrille nicht vergessen. Ich als Kontaktlinsenträgerin hab davon nur profitiert (und einige belustigte Blicke geerntet, denn ich war tatsächlich die Einzige). Ein Mundschutz ist auch empfehlenswert, ihr werdet nicht darum herumkommen Farbpulver zu schnupfen.

Frohes Schwitzen, ob mit oder ohne Farbe, wünscht euch
Eure (immer noch leicht verfärbte) Foxy




Berlin? Berlin! Eine Liebeserklärung.


Teil eins: Arm, aber sexy

Wenn meine Freunde aus Hamburg, Köln oder anderen schönen deutschen Städten mich von Berlin schwärmen hören, verdrehen einige die Augen, andere lächeln nur nachsichtig. Ich bin Wahlberlinerin, habe aber sowohl die Mentalität der Gegend als auch den Dialekt mit der Muttermilch aufgesogen, wie man so schön sagt.

Dass die Stadt in den letzten Jahren bis zum Ausnahmezustand gehyped und fast schon verballhornt wurde, lässt die, die vorher hier waren, absolut kalt. Das bekannte Hipsterphänomen (ihr seid einer, wenn ihr leugnet, dass ihr einer seid) beschäftigt ohnehin nur die, die ihre Identität genau darin finden. Wobei ich gestehen muss, dass es schwer ist, sich dem unterschwelligen Modetrend Berlins (und anderer Großstädte) zu entziehen. Unterschwellig deshalb, weil dir hier niemand sagen wird, was nun genau Mode ist und welches Outfit das Ergebnis einer kaputten Waschmaschine und eines zerbrochenen Spiegels war. Man trägt, was man eben trägt, was auch immer das ist.
Auch besitze mittlerweile mehrere sogenannte Jutebeutel (Natürlich wissen wir alle, dass die Dinger gar nicht aus Jute, sondern aus Baumwolle hergestellt werden. Special thanks to Wikipedia), und benutze sie regelmäßig. Allerdings nicht als Handtaschenersatz, sondern lediglich zum Transport größerer Gegenstände.
Meine Club Mate- Sucht habe ich nur mit Mühe in den Griff bekommen, sie wird von meiner Vorliebe für Karomuster und Chucks in Schach gehalten. Die Sojamilch im Kühlschrank und mein Mini-Undercut halten dagegen. Was mir zu meinem Glück noch fehlt, ist die Spiegelreflexkamera.
Die Frage, die sich nun nach und nach immer mehr aufdrängt, ist: Bin ich ein Hipster? Der Definition nach leugnen Hipster, dass sie solche sind. Das würde ich auch tun, wenn man mich danach fragen würde. Glücklicherweise hat mich bisher niemand gefragt und so überspringe ich das Thema. Bei Interesse greife ich es in einem anderen Post wieder auf. 

Echte Berliner nehmen die Stadt so wie sie ist: entspannt und selbstverständlich. Wegziehen würden die wenigstens, und die, die ich getroffen habe, betonen nach wie vor, dass sie „gebürtige Berliner“ sind und die Stadt aus diversen Gründen verlassen haben. Die Menschen, ihre Mentalität, Döner- und Currywurstgeruch zählen in der Regel aber nicht dazu, weite Anfahrtwege und eine, sagen wir erlebnisintensive Nahverkehrsanbindung schon eher.
Was bewegt aber die gefühlt halbe Republik dazu, in die Hauptstadt zu ziehen? Und warum meckern alle Daheimgebliebenen über Berlin? Die Stadt sei zu laut, zu voll, zu dreckig. Ja, laut, voll und alternativ (ergo dreckig) sagen die Stadtbefürworter. Berlin bietet, was jede internationale Großstadt bietet: Kultur, Geschichte, eine ausgedehnte Partyszene, und das Prestige, sich Hauptstadt zu nennen. Ach ja, und die Hundehäufchen nicht zu vergessen.

Es scheint auch die „just be yourself“-Einstellung der Stadt zu sein, die das Leben hier so attraktiv macht. Jeder kann, keiner muss, das sorgt in der Regel für ein entspanntes Miteinander. Toleranz wird großgeschrieben, die Schultern viel häufiger hochgezogen als die Augenbrauen. Böse Zungen behaupten, dass Lethargie und ein Tunnelblick die einzige Möglichkeiten sind, die Stadt zu ertragen. Leider passen meiner Meinung nach ein Tunnelblick und der tägliche Slalom-Lauf um besagte Hundehäufchen selten zusammen.

Die Arm-aber-sexy-Vasen

Mein persönlicher Beitrag zum Thema „Just be yourself“, „Use what you’ve got“ und „Mach einfach, interessiert eh keinen“ sieht folgendermaßen aus. In Ermangelung von drei hohen, schlanken, farblosen Glasvasen habe ich auf den uralten Trick zurückgegriffen und Glasflaschen dafür zweckentfremdet. In meinem Fall sind es allerdings nicht Wein-, Bier-, Cognak- oder Milchflaschen, nein, es sind – natürlich – Club Mate-Flaschen.



 



Ausgespült und von ihrem azurblauen Deckel befreit, geben sie sich dekorativ auf meinem Wandboard. Statt der Kunstblumen kann man auch richtige Blumen nehmen, die duften und verwelken, mir ist diese zeitlose Variante lieber. Fertig sind die Arm-aber-sexy-Vasen. Wie heißt es so schön auf DIY-Blogs:

Frohes Nachbasteln,
Eure Foxy 

Sparmethoden. Und warum sie nichts bringen.



Dies wird der wahrscheinlich langweiligste und unsexieste Eintrag überhaupt. Wie man Geld, das man gar nicht hat, nicht ausgibt, will doch eh keiner wissen, hat man mich gewarnt. Sehr gut, denn darauf habe ich absolut keine Idee für eine Antwort.

Die Erkenntnis kam, als ich mit einem Bankberater telefonierte. „Sie haben doch gar nicht genug Geld auf dem Konto.“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll. Ich hatte eine Überweisung zwei Mal ausgeführt, weil mein Ordnungssinn mein Kurzzeitgedächtnis zwischenzeitlich k.o. geboxt hatte und nun wies mich der Mitarbeiter darauf hin, dass eine Stornierung überflüssig sei. „Ah“, war meine Reaktion. Für mehr als eine Interjektion reichte meine Höflichkeitskontigent nicht aus, denn „Jo, danke für die brutale Wahrheit, im Empathie-Seminar gepennt?“ war mein eigentlicher Gedankengang. Im Ernst, warum sind Bankangestellte hinter dem Tresen unsagbar höflich und verständnisvoll und klingen am Telefon so genervt wie Schuhputzer in Indien, wenn man an einem ruhigen Freitagabend gegen halb elf eine Stornierung beantragt?

Da  ich es mit der Sparpolitik ein wenig so halte wie Italien, habe ich als Konsequenz mein Einkaufs- und Konsumverhalten überdacht und alles Unnötige von der regelmäßigen To-Buy-Liste gestrichen. Wie öde. Ja, aber mein zerebrales Belohnungssystem möchte gebändigt werden. Das Wachstum meiner Schuhsammlung steht in keinem Verhältnis mehr zum Negativwachstum meiner Einnahmen. Auf gut deutsch: Pleite sein ist nicht lustig, denn es schränkt die Möglichkeiten, die wir nutzen um unser Leben zu genießen, radikal ein. Askese liegt nun mal nicht in meiner Natur.

Auf was verzichtet Frau nun am ehesten? Auf meiner Liste stehen nicht nur heiße Vollbäder bei 28 Grad Außentemperatur, sondern unter anderem auch Staubtücher, Mineralwasser, Champignons und Sonnenmilch. Staub kann man wischen, womit man will, er ist sowieso nach Sekunden wieder da. Mineralwasser sprudelt am schnellsten aus der Leitung und erspart meinen Armmuskeln zudem Überstunden. Champignons konnte ich früher nicht aussprechen und hab mir daher angewöhnt, sie auszuspucken. Dabei ist es geblieben. Sonnenmilch ist in diesem regenreichen Sommer redundant. Zudem steht ein ganzes Arsenal an Flaschen im Schrank und wartet auf die Rückkehr des Ozonlochs. Nun gut. Durch diese Sparmaßnahmen bleibt also viel mehr Geld übrig.
Nein. Es bleibt nie mehr Geld übrig. Es ist, als würde unser Konto dauerhaft Wertvernichtung betreiben, indem es unsere hart erkämpften Reserven verfuttert. Oder verbrennt. Das macht keinen Unterschied, denn am Ende ist das Geld einfach weg. Beziehungsweise haben es die falschen Leute, nämlich nicht wir oder unsere Freunde, die die etwas eingeschlafene Freundschaft zu uns mit kleinen Aufmerksamkeiten wieder aufkurbeln möchten.

Und so verzichten wir gegen Monatsende nicht nur auf die kleinen Extras im Leben, sondern schwören auch, im nächsten Monat gar nicht erst wieder in diese Bredouille zu geraten. Obwohl wir wissen, dass das unmöglich ist. Meine Vermutung besteht darin, dass wir auf darauf programmiert sind, Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen, und da Geld weder schmeckt noch wärmt, muss es eben anderweitig verarbeitet werden: in Pullis, Schuhe, Schals, Hautcremes, Parfums, Topfpflanzen und diverse Genussmittel. Zuweilen fallen darunter auch größere fortschrittliche Entwicklungen, wie Tablets, Smartphones oder eine KitchenAid. Das Leben ist ja schließlich kurz und einmalig. Meinen Muffinteig mit dem Schneebesen zu rühren ist nicht nur ineffektiv, sondern für das Ergebnis auch nicht förderlich.   

Geld regiert die Welt, wie wir alle wissen. Und wir wollen gern die Welt regieren, liebend gern sogar, aber uns mit Spionage-Debatten, Bürgerprotesten, Hunger und allen anderen global aktuellen Schikanen herumärgern? Ich denke nicht. Im Gegenteil, arm wird als sexy proklamiert, zumindest in meiner Stadt. Und wenn selbst amerikanische Serienproduzenten dem Ausbleiben des finanziellen Erfolgs zweier junger Frauen in einer populären amerikanischen Großstadt eine eigene Sendung widmen, kann daran ja nicht so viel Falsches sein.
Trotzdem lobhuldige ich am Monatsende den Erfinder des Dispokredites, der es mir trotz widrigster Umstände ermöglicht, meine Frühstücksflocken zu bezahlen und nachts ruhig zu schlafen. Hier greift ein weitere Oma-Weisheit: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Also sind wir doch wieder kapitalistisch. Mein Sparküken - böhckt.

Foxys Sparhuhn
Kein spießiges Schwein. Ein Sparhuhn mit Hang zum Comic relief.

Weil sich Konsum und Sparen zueinander verhalten wie ich und Champignons müssen Mittelwege gefunden werden, die ein Auskommen mit dem Einkommen ermöglichen. (Mittelwege oder Kompromisse wird es zwischen mir und Champignons nie geben. Wir sind uns einfach nicht grün.) Wir müssen zu Sparfüchsen werden, immer und überall. Die Sonderangebote in den Supermärkten leuchten uns ja ohnehin rot-gelb entgegen und schreien nach Konsum. Zwei Flaschen Duschgel mit Kokos-Apfelsinen-Duft zum Preis von einem? Ja, bitte!  Fertigsauce mit Tomate, Basilikum und – äh – Champignons? Na gut, wenn ich dadurch spare. Ein Flohmarktbummel bietet sich da auch an. Schöne Secondhandkleidung (weil ich nichts zum Anziehen habe), stilvolle, gebrauchte Glasvasen (für die Blumen, die ich nie kaufe) und eine lange Liste an Büchern, die ich ohnehin schon immer lesen wollte (und nie tun werde, weil ich damit beschäftigt bin, neue Bücher und anderen Schund zu kaufen). Hauptsache, Quantität zum kleinen Preis um den Konsumdrang zu stillen.

Wenn ihr dann nach dem Duschen riecht wie der Lieblingskuchen eurer Oma, euch mit Büchern umgeben habt, die wahrscheinlich öfter angefasst wurden als jede Amüsierdame auf der Reeperbahn, und eure Kleidung euren Charakter unterstreicht, dann könnt ihr eure soziale Seite hervorkehren und euch fragen, ob ihr eurem Konto nicht ein kleines Bisschen davon abgeben wollt. Es hat sich ja schließlich bemüht, euch bei der Anschaffung von alledem zu unterstützen. An den nächsten Monat hat es trotzdem nicht gedacht.

Frohes Horten,
eure Foxy

Berliner Verkehr. Öffentlich und privat.


Bevor mir jetzt Voyeurismus und mangelnde Widerstandsfähigkeit gegen unsere von sexuellen Worten und Werten durchsetzte  Gesellschaft vorgeworfen wird, möchte ich die Zusammenhänge erklären. Es steht in unserer Gesellschaft weit oben auf der Liste der wichtigen Dinge, manche tun es mehr oder minder regelmäßig und wer nicht, würde es zumindest gern: pünktlich kommen. Aber Bus, Bahn und die Oma vor uns, die die Einkaufstaschen in den zittrigen Händen und dem Rauhaardackel an der Leine, mit der man bequem Wäsche vom Kotti bis zum Südstern aufhängen könnte, hält, machen uns einen Strich durch die Rechnung. Also kommen wir zu spät, und das regelmäßig. Ihren Beitrag dazu leisten die Züge eines gewissen ortansässigen Verkehrsunternehmens, die regelmäßig unregelmäßig verkehren.

Mit der Bahn ist man nicht mehr nur mobil, sondern völlig ungebunden, sozusagen losgelöst von Zeit und Raum. Wer in heißen Sommern noch nicht untertänigst um eine Klimaanlage gefleht und im Winter bereut hat, nur einen Schal umgebunden zu haben, würde behaupten, ich übertreibe. Immerhin bietet dieses Verkehrsunternehmen ihren Fahrgästen jeden Sommer kostenlose Saunaplätze, die ausgesprochenes Potenzial als Kontaktbörse haben. Ich empfehle jedem Touristen, der die Bundeshauptstadt in einer authentischen Atmosphäre erleben möchte, eine Fahrt in einem der beige-rot-grauen Waggons, die vor allem ein Gefühl nahe bringen: Ostalgie. Jeder Fahrgast hat mindestens schon einmal den Gedanken erwogen, dass die Fahrgeräusche der Wagenzwischenteile (Bahnmaschinentechniker entschuldigen bitte das Fehlen des korrekten Jargons) unbeabsichtigt sei und der letzte Wartungseintrag von November 1989 demnächst mal überholt werden müsse. Es quietscht gemütlich und knarrt heimelig, es wackelt und rüttelt und lässt uns nicht vergessen, wo wir sind. Wenn es in Berlin regnet, tropft es auch in der S-Bahn, flirrt die Sommerhitze über den Asphalt, flirrt sie auch zwischen Haltestangen und Klappsitzen. Die nassen Schirme zwischen euren Füßen und Hosenbeinen und der interessante Geruch in einer sommerlich-bepackten Bahn erinnern auch die Dösenden an die Eigenheiten ihrer Stadt.
Im Winter testet das gewisse Verkehrsunternehmen immer wieder die Findigkeit der Großstadtbewohner im Überlebenskampf: Hier gibt es eine Türstörung, da fährt ein ungeheizter Wagen. Und ihr fahrt von Zehlendorf nach Oranienburg. Ein Dschungel hat Giftschlangen und böse Raubkatzen, eine S-Bahn dagegen keine Alternative. Zumindest gilt dies für den umweltbewussten (alkoholkonsumierenden) Durchschnittsberliner. Wir frieren, wir fluchen, wir fahren weiter.

Doch was wäre eine Bahnfahrt ohne nette Begleitung? Die gibt es in verschiedenen Varianten. Montagmorgens um halb acht erfreuen sich 382 verschlafene Fahrgäste am Telefonat von Jutta F., die unbedingt ihrem Schwiegersohn erzählen muss, wie das Wochenende mit den Enkelkindern war. Und dabei besonders laut spricht, um das Quietschen der Waggonverbindungen und die Musik aus den Kopfhörern eures Sitznachbarn zu übertönen. Aber ihr habt Glück, denn ihr sitzt. Nichts ersetzt Frühsport besser als eine Runde S-Bahn-Surfen zwischen Anzugträgern und Muttis mit Kinderwagen. Am späten Nachmittag und Abend trifft man zusätzlich Stadtbesucher. Unschwer zu erkennen sind sie an ihren Rucksäcken und Stadtplänen, die sie euch als Dank eurer Gastfreundschaft laut vorlesen. Be restless, be clueless, be Berlin. Zumindest als Tourist. Interessanter wird es noch, wenn die Touristen in Scharen in die Bahn strömen, um diverse Großveranstaltungen aufzumischen. Mein Versuch, euch ein Foto zu präsentieren, ist kläglich gescheitert. Interessanter wird es noch, wenn die Touristen in Scharen in die Bahn strömen, um diverse Großveranstaltungen aufzumischen. Mein Versuch, euch ein Foto zu präsentieren, ist kläglich gescheitert.



Wer dem entgehen will und mutig genug ist, klaut sich ein Rad und strampelt munter drauf los. Munter, bis man sich an der roten Ampel auf der dreispurigen Fahrbahn zwischen wartenden und parkenden Autos wiederfindet, und überlegt, ob es nicht sicherer ist, zwischen Kinderwagen und dem Opa – der inzwischen an der Reihe ist, den Rauhaardackel auszuführen - auf dem Gehweg zu radeln. Sicherer schon, zumindest für den Radler, allerdings auch langsamer. Wer ankommen will, muss im Verkehrsfluss mitschwimmen, also hartnäckig den Autos im Weg rumrollen oder sie überholen, je nach Fahrradbeschaffenheit - und der Stärke des Selbsterhaltungstriebs.

Welche Alternative bleibt da noch? Laufen? Sicher nicht. Wer in der Rush Hour einmal den Alex überquert hat, kann sich die abendliche Joggingrunde sparen.  Autofahren ist, wie bereits angedeutet, die Todsünde eines jeden zukunftsbewussten und ökologisch unbefleckten Bürgers, außerdem lässt sich in der Großstadt nur schwer ein Depp finden, der nüchtern fahren will. Also nüchtern bleiben will. Um zu fahren. Wie auch immer.

Gesehen wurden auch schon wagemutige Inline-Skater, die trotz vierspuriger Straße und Nieselregens tapfer versuchten, auf der feuchten Straße nicht auszugleiten und Opfer der  Dominanz von vierrädigen Fahrzeugen zu werden.
Ein letzter Ausweg besteht darin, im Zweifelsfall, ob die Bahn fährt, das Rad einen Platten hat oder die Sportschuhe uncool sind, zu Hause zu bleiben. Wie öde. Ja, aber wer keine Termine vergibt, kommt auch nicht zu spät. Als Großstadtbewohner muss man sich zwangsläufig dem Verkehr hingeben und die Tatsache akzeptieren, dass wir alle etwas länger brauchen, ob gewollt oder nicht.

Frohes Ankommen,
Eure Foxy

Märchen reloaded

Es ist Sommer und es regnet. Mag ja sein, dass die Primeln auf der Fensterbank happy sind, wir finden von beiden Seiten feuchte Schuhsohlen eher so mittel. Neue Schuhe müssen her, wir gehen shoppen. Und wenn passiert, wenn es langsam dunkel wird und die Geschäfte schließen, sodass uns hexengleiche Mitarbeiterinnen mit natureigener Unfreundlichkeit („Wir schließen. JETZT!“) verjagen um endlich den Besen hervorholen zu können? Dann flüchten wir in die Heimeligkeit klebriger Sitze und nachokauender Sitznachbarn – ins Kino. Glücklicherweise habe ich mich in einen Film verirrt, der für Rezensionsschreiber eine wahre Fundgrube ist. (An dieser Stelle soll einmal betont werden, dass ich nicht vorhabe, unter dieselben zu gehen. Die Realität bietet viel spannendere Themen.) Über Rupert Sanders „Snow White and the Huntsman“ kann man Vieles sagen: romantisch, spannend, modern. Alles passt, außer originalgetreu.  

Doch fangen wir von vorne an. Es war einmal ein Kinosaal. Dieser war angefüllt mit arbeitsmüden Bürgern, die sich ihren Feierabend mit leichtverdaulicher Unterhaltung versüßen wollten. Nun geschah es aber, dass die Leinwand, auf die sie unaufhörlich starrten, benutzt wurde um im Schnelldurchlauf eines der schönsten Märchen der westlichen Literatur kaputt zu filmen. Wir sehen ein Schloss im Winter, eine lebensbejahende Königin, die sich ein überirdisch schönes Kind wünscht und es drei Monate später gebärt, Blutstropfen, Raben, Tod. Krieg droht, denn der König trauert. Nun, Märchen sind grausam, bisweilen recht blutig, aber von politisch motiviertem Krieg wird ausnahmslos nicht berichtet. (Wahrscheinlich wären die Gebrüder Grimm heute überzeugte Linkswähler. Oder Anhänger der Piratenpartei.) Die Ankunft der Stiefmutter wird durch die Rolle des hilflosen Opfers getragen. Blond, jung, allein. Wir wissen, wie sowas enden kann (Frau Katzenberger hielten wir auch alle für … zu simpel um gefährlich zu sein. Mittlerweise färbt sie sogar die Bücherregale beim Buchhändler unseres Vertrauens pink.) So entpuppt sich die unschuldige Königin als mordendes Monstrum, die für ihre Schönheit über Leichen geht. (Die zehn Sekunden, in denen ihre Haut in Sekundenschnelle altert, hätte man an L’Oréal verkaufen sollen. Weil sie es sich wert ist.) An dieser Stelle sei angemerkt, dass Charlize Theron als Stiefmutter erneut ein überzeugendes Monster gibt, diesmal in der Optik einer dominanten Königin, die stark an eine Pik-Dame erinnert. Die Produzenten, die auch Alice im Wunderland hervorbrachten, werden des Spielkarten-Themas offensichtlich nicht leid. So wandelt sich der Anblick der Königin im Fünf-Minuten-Takt von zauberhaft-hinreißend zu alt und pottenhässlich, den Graphikern sei es gedankt.

Nach etwa einer Viertelstunde Vorgeplänkel treffen wir sie endlich als Erwachsene, die atemberaubend schöne, alles erhellende, wunderbare, the one and only Snow White alias Kristen Stewart.  Machen wir einen Ausflug in unsere Kindheit und überlegen, wie wir uns Schneewittchen immer vorgestellt haben als uns die Geschichte vorgelesen wurde (oder wir ihr in haarsträubenden Schulaufführungen Leben einflößen mussten). Langes schwarzes Haar? Check. Weites, wallendes Kleid? Check. Weiße Haut und ein Äußeres, das sich subjektiv betrachtet zwischen recht annehmbar bis hin zu richtig hübsch befindet? Kann man durchgehen lassen. Ein verträumt süßes, sympathisches Lächeln auf den Lippen? Fail! Wer auch immer das Casting organisiert hat, hat sich unter Snow White den Subtext für einen (Anti-)Drogenfilm vorgestellt. Kristen Steward passt perfekt in das Rollenbild einer jungen Rebellin, die mit weißen Substanzen herumexperimentiert (ihr üblicher Gesichtsausdruck erinnert an den Blick eines Konsumenten nach dem Gebrauch schlechter Drogen), doch als Snow White hätte man vielleicht jemanden mit Liebreiz und Anmut (nicht zu verwechseln mit Dürrheit) wählen sollen.

Nun gut, nach einer Weile haben wir uns an unsere Protagonistin gewöhnt und die zweite Titelfigur tritt in Erscheinung: der Huntsman. Es bleibt ein Rätsel, was der Jäger denn nun jagt, außer einer verlorenen Liebe und am Ende – Snow White. Wie im Märchen soll er Schneewittchen erst ausliefern, wechselt dann aber auf ihre Seite und verhilft ihr zur Flucht. Ab diesem Moment verwandelt sich das noch recht passabel adaptierte Märchen in einen Hollywood-Megamix, das Beste aus den letzten 20 Kinojahren. Wir sehen Luftaufnahmen von Wäldern, Tälern und Ebenen, die uns an die Landschaft Mittelerdes denken lassen (und steht da hinten nicht der Schicksalsberg?). Der Wald, den Snow White und ihr Huntsman durchkämmen, ist verwunschen und mitunter gefährlich, das haben wir in Alice im Wunderland schon mal gesehen. Die Produzenten waren hier offensichtlich nicht sonderlich einfallsreich. So gibt es auch bei Snow White hässliche Fabelfiguren, die aus dem Nichts auftauchen, grunzen und brüllen und sich am Ende mit ein paar Streicheleinheiten verscheuchen lassen. Doch die wichtigsten Fabelfiguren erwarten wir noch. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, wo bleiben sie, die sieben Zwerge? Als Titelhelden von einem saufenden Witwer mit Chuck-Norris-Allüren verdrängt, halten sie sich erst mal bedeckt.  

Währenddessen nutzen Snow White und ihr Begleitschutz die Zeit um eine wenig zwischenmenschliche Spannung aufzubauen. Auf der Flucht vor der bösen Königin und ihren Anhängern, die nach dem Leben unserer Heldin trachten, müssen sie allerlei Gefahren und Bedrohungen meistern. (Hier sei der essentielle Spiegel erwähnt, der wie üblich seine Vorhersage macht, dass nicht die Königin die Schönste im Lande wäre, sondern besagte Snow White. Der Spiegel wäre jedoch nicht Teil dieses ominösen kill-me-if-you-can-Blockbusters, wenn er nur ein gewöhnlicher Spiegel wäre, platt im wahrsten Sinne des Wortes. Vielmehr sieht er aus wie das Weltuntergangsorakel himself, das seine dunklen Vorahnungen nur erträgt, indem es sich eine Löschdecke überzieht.)

Interessanterweise verrät der Spiegel aber auch, dass Schneewittchen – pardon: Snow White - für die Königin der Schlüssel zu Unsterblichkeit sei. Diese will nun ihre letzte Zuflucht erreichen, das Schloss des Dukes, dessen Sohn Snow Whites Kindheitsfreund ist. Als der ehrenwerte Prince Charming von deren Existenz erfährt, will er sofort aufbrechen, doch wird von höheren Mächten (aka seinem gluckenhaften Vater, der das mutterlose Einzelkind nicht verlieren will) aufgehalten seine Jugendliebe zu retten. Was lernen wir? Emanzipation muss ihre Grenzen haben, zumindest im Märchen. 

Auf ihrem Weg treffen Snow White und der Huntsman ein vernarbtes Amazonenvolk, das sich durch seine Entstellung vor den Fängen der Königin schützt. Doch auch hier sind die beiden nicht sicher, sondern fliehen weiter – direkt in die Arme von sieben kleinen, brutalen Zw… Kleinwüchsigen. Anstelle von kleinen drolligen Bergarbeitern begegnen wir aggressiven, goldhungrigen Männern, die sich nicht nur nicht davor scheuen, Gewalt anzuwenden, sondern der Prinzessin auch nahelegen den Mund zu halten. („Shut up!“). Nichts ist geblieben von dem bunten, zauberhaften Wald, den wir aus der Disney-Version kennen. Auch nichts von den fröhlichen, einigen glücklichen und anderen nicht ganz so glücklichen Zwergen („Snow Whtite and the Seven Dwarfs“, W. Disney, 1937. Ich nehme von jeder politisch inkorrekten Abwertung der von Hyposomie betroffenen Menschen Abstand).

Unverklemmt sexy: Cosma Shiva Hagen in "7 Zwerge"
© Universal
Das bringt uns von einer wenig lady-like Snow White zu all den anderen weißhäutigen, rotmundigen und schwarzhaarigen Nymphen, die im Laufe der Filmgeschichte in das enge Korsett eines zugegebenermaßen etwas verstaubten, aber doch unterhaltsamen und lehrreichen Märchens gezwängt wurden. Ich erwähnte bereits den Inbegriff der komischen Verniedlichung, die vor keinem Kinderzimmer halt macht, sei es in Form von sprechenden Tieren diverser Arten und Größen (es begann mit sprechenden Mäusen und Enten, dann folgten Rehe, Hunde, Bären, Affen, Tiger, Katzen, Füchse, noch mehr Mäuse und noch mehr Hunde, Fische, Krabben, Albatrosse, Lamas, Drachen, Kühe, Hühner, Dinosaurier – und schlussendlich noch mehr Bären) oder von Durchschnittsmenschen mit besonderer Glückssträhne. Disney-Verfilmungen. Auch unser Märchen ist so kategorisierbar. Und sonst? 

Klassisch brav: Kristin Kreuk in Snow White
© Hallmark Entertainment
Es gibt Schneewittchen als Komödie („7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“, Regie: Otto Waalkes), in dem Cosma Shiva Hagen als liebreizendes, aber naives Dummchen eher eine Nebenrolle hat. Auch als Horrorvariante („Snow White: A Tale of Terror“, Regie: Michael Cohn) lässt sich das Material gut verarbeiten. Es überwiegt aber die romantisch-verklärte Version, in der Schneewittchen das Opfer der Intrige der Königin ist und nur durch die Liebe des Prinzen gerettet werden kann (beste Verfilmung: „Snow White“, Regie: Caroline Thompson, mit Kristin Kreuk als Snow White).

Unsere Adaption zeichnet dagegen ein Kontrastbild. Schneewittchen ist nicht länger das passive, verlorene Mädchen, das gerettet werden muss, Snow White kann sich selbst retten (indem sie Kanalisationen durchkämpft, zahme Pferde reitet und mit ihrem Charme und ihrem unsagbar zauberhaften Lächeln sogar Ungeheuer betört). Und wenn doch ungeplante Hindernisse wie die sieben hundsgemeinen Zw… Kleinwüchsigen auftauchen, zieht sie ihre Trumpf-Karte: Mein Papa ist der König! Emanzipation in der Märchenwelt, oder Märchenhaftes in heutigen Maßstäben, wie man es sehen möchte.

Revoluzzer in jeder Lebenslage: Kristin Stewart in "Snow White and the Huntsman"
© Universal
Übersehen kann man jedoch nicht, dass der männliche Teil der Besetzung (der unüberraschenderweise überwiegt) entweder übermäßige Vorsicht, überstürzte Hast oder männliche Schwäche an den Tag legt. Äußerst charakteristisch ist das Verhalten des Huntsman (dessen Name originalgetreu verschlüsselt bleibt), der zwar Kraft und Mut hat, mit den Gefühlen für seine verstorbenen Frau  jedoch nicht umgehen kann. Wahrscheinlich, weil er nie gelernt hat zu weinen. Stattdessen trinkt und spielt er, wirkt aber selbst mit Hose und Stiefeln in der Pferdetränke noch heldenhaft charmant und schlagfertig.

Aufmerksame Betrachter erkennen Parallelen zur Gegenwart. Männer sollen Angst und Trauer zeigen, im entscheidenden Moment aber doch den Weg kennen. Oder zumindest die Hinweisschilder lesen können. Der Jäger soll zum Begleiter werden, zum Beschützer. Nicht zum Besitzer, wohlgemerkt. Snow White lässt sich vom Huntsman helfen und durch seinen Kuss (was ist schon der Kuss eines weichgespülten Prinzen?) wieder zum Leben erwecken (von den Toten aufzuerstehen hat Kristen Stewart ja bereits geübt), ihren Platz auf dem Thron lässt sie sich jedoch nicht streitig machen, teilt ihn nicht einmal. Ist das fair? Nun, wir können davon ausgehen, dass Snow White ihm seine Spielschulden erlässt. Und was lernen wir noch aus der Geschichte? Mitten im schneebedeckten Winterwald keine Äpfel von Fremden anzunehmen. Und manche Kindheitserinnerungen lieber in der hintersten Ecke des Bücherregals zu lassen, wenn man nicht gerade Kristen-Stewart-Fan ist.

Und wenn sie nicht gestorben ist…
Eure Foxy

Krümel, Löffel und Co.


Fünf Kilo Gepäck. Fünf Kilo Existenz.

Ich liebe Städtereise. Zwei, drei Tage reichen meiner Meinung nach völlig aus um einen Eindruck von einer Metropole zu bekommen. Und dieser Eindruck ist in der Regel gut, denn für die schlechten Ecken haben wir ja keine Zeit. Ich habe also wieder mal einen Kurztrip in die Wege geleitet und stehe vor dem Hauptproblem aller Reisenden: Kofferpacken. Nun, wer mich kennt, weiß, dass ich längst olympisches Gold gewonnen hätte, wenn es um die Disziplin ginge, Koffer in minimaler Zeit maximal zu füllen. Je kleiner der Koffer, desto größer die Herausforderung. Was also mitnehmen zu einer zweitägigen Reise? „Eine Unterhose, einen Kamm und eine Zahnbürste. Vielleicht noch Zahnpasta, falls der Zimmernachbar im Hostel keine leihen kann.“ Ja, das würde der Durchschnittsmann antworten. Da der gegenwärtige, seit der Jahrtausendwende ungebrochene Trend nach wie vor hin zur Metrosexualität geht, zählen einige auch noch Deo, Rasierer und Handtuch auf. Und jetzt die Gegenstimme. „Ehhh…“ Na, Mädels? Richtig, wir haben keinen blassen Dunst, was wir mitnehmen sollen. Also nehmen wir ein bisschen von allem mit. Ich packe meinen Koffer… war schon immer eins meiner Lieblingsspiele, auch wenn mein Gepäckstück diesmal gar kein Koffer ist. Doch auch ein Rucksack kann bis in die letzte Stofffalte gefüllt werden.

Keiner wird mir widersprechen: Wir sind fast ausnahmslos Handtaschenfetischisten. Pardon, Fetischistinnen. Selbst beim Kurzbesuch bei der besten Freundin inklusive Sofaübernachtung brauchen wir, naja, ungefähr fünf Kilo Gepäck. Fünf Kilo nur das Nötigste. Fünf Kilo Existenz. Frauen und Taschen haben eine Beziehung wie die Erde und der Mond. Das eine wird vom anderen angezogen, beide bedingen einander. Was ist die Frau, die euch auf der Straße entgegenkommt und keine Handtasche trägt? Überfallen worden.

Nun, Spaß beiseite.

Eine Handtasche ist für uns Statussymbol, Accessoire, der Garant für spontane Clubnächte und erfolgreiche Dates. Und sie ist ein faszinierendes Mysterium. Und wir wissen das. Wir wissen auch, dass ihr, liebe Männer, das nicht mal mit gutem Willen und einer Extraportion Empathie verstehen könnt. Die Sache mit den Schals, Schuhen und Schmuck ist noch halbwegs nachvollziehbar, das sieht hübsch aus. Und wir darin und damit. Aber eine Handtasche? So ein Sackbeutel, der an unserem Arm baumelt und irgendwie ständig im Weg ist. Was kann der? Warum ist der da? Bevor jetzt die ersten mit Freudschen Theorien aufwarten, wofür eine Handtasche so stehen könnte, wollen wir etwas Licht ins Dunkel der Taschen bringen.



Foxys Handtasche. Mit einem Ü-Ei.

Warum Männer das Phänomen "Handtasche" nicht verstehen

Generell scheint es eine Dichotomie auf dem Gebiet der Handtaschenphilosophie zu geben. Wenn eine Freundin mich besucht und sie keine dabei hat, ist das sehr merkwürdig. Wenn ein Typ zu mir kommt und eine dabei hat, ist das noch viel merkwürdiger. Männer kommen entweder mit einer überdimensionalen Sporttasche – in der sie unnatürlich wenige Sachen unnatürlich groß zusammenfalten – oder mit nichts als dem Inhalt ihrer Jackentasche, vorausgesetzt sie haben eine dabei. (In milden Spätwinternächten wird auf diese aus organisatorischer Effizienz gelegentlich verzichtet.) Es scheint, als ob sich Männer nicht zwischen zu wenig – also gar nichts – und einem Zuviel entscheiden können. Wobei der häufigere der beiden Fälle der letztere ist und nur dann eintritt, wenn der Typ für ein längeres Wochenende vorbeikommt. Oder bei euch einzieht.
Eine Frau hingegen wird immer mit einer Handtasche bei euch auftauchen, sei es auch nur dafür, um euch zu sagen, dass sie keine Zeit hat, weil sie noch einkaufen gehen muss. Unter anderem auch Schuhe und Handtaschen. Liebe Philosophen, an dieser Stelle wird der Sackbeutel in der Tat zum Metasackbeutel.

Handtaschen und ihre unergründlichen Tiefen sind ohne Zweifel ein halboffenes Symbol für die weibliche Abhängigkeit von der Kosmetikindustrie und zeigen, dass wir eines nicht abgeben können: die Kontrolle. Über unser Aussehen, über Eventualitäten, die aus dem Nichts über uns hereinbrechen könnten („Ja, ich brauche diesen Haargummi. Ja, ich weiß, dass ich schon einen in den Haaren hab. Aber was, wenn der kaputtgeht?“), über unsere einseitigen Haltungsfehler.  Jede von uns ist längst eine postmoderne Mary Poppins und zaubert alles Mögliche und Unmögliche zwischen zwei Reißverschlusshälften hervor. Wir brauchen das, was in unseren Taschen ist. Alles. Nicht immer. Aber irgendwann.

Was ist nun drin in so einem ledrigen Mysterium? Ich habe einen Selbstversuch gestartet und meine eigene Allround-Tasche mal genauer untersucht.
Auf den ersten Blick spielen Form, Farbe und Größe bei der Wahl der Lieblingshandtasche weniger eine Rolle. Nun, wir wissen alle, dass die Größe auf den zweiten Blick doch eine Rolle spielt. Doch stehen die Maße einer Tasche proportional zu ihrem Inhaltsvermögen, also auch zu ihrem Inhalt. Diese physische Theorie ist angreifbar, denn ich halte die empirisch geprüfte Theorie dagegen, dass auch in kleine Taschen eine Menge reingeht. Von den herkömmlichen Standards wie Portemonnaie, Schlüssel, Handy,  Papiertaschentüchern und Kondomen (an dieser Stelle driften die Meinungen auseinander: Manche finden es vollkommen ausreichend, Toilettenpapier zu benutzen) gibt es eine Vielzahl von Dingen, die man noch in einer Handtasche finden kann. Ganz oben auf der Liste stehen Sand und Krümel. Kein Mensch weiß, wo sie herkommen, aber sie sind in jeder Falte des Innenstoffes. Als würden wir jeden Tag ein Dutzend Brötchen darin transportieren, sie hin- und her schwenkend, während wir in halsbrecherischem Tempo die Treppe hinuntersprinten um in letzter Sekunde doch noch die Bahn zu verpassen, die uns an die Ostsee gebracht hätte, wo wir unserer Tasche neben unser Strandtuch gelegt und auch ihr mal eine Auszeit gegönnt hätten. Da wir aber die Bahn verpasst haben, hat unsere Tasche nie das Meer gesehen – und auch keinen Ostseesand. Bleiben noch die Krümel. Gut, vielleicht war irgendwann einmal ein Croissant in einer Tüte in der Tasche. Erfahrungsgemäß überleben solche Gebäckteile aber nicht lange genug, um die Masse Krümel zu produzieren, die wir in unserer Tasche finden. Vielleicht schieben wir es einfach auf das Krümelmonster. Das futtert auch überall Kekse. Warum dann nicht in unserer Tasche.

Kramen wir weiter. Ein Kosmetikartikel findet sich immer. Eine Tube Creme, ein Lippenstift oder Labello. Die Gewagteren unter uns haben mal ein paar Kaugummis oder Bonbons dabei. Und sonst? Müssen wir uns auf den Überlebenskampf da draußen vorbereiten. Mit zusammenklappbaren Bürsten (die in Einzelfällen unseren Namen auf der Rückseite trage. Es könnte ja jemand auf der Damentoilette genau dieselbe Bürste benutzen und dann ist unsere Einzigartigkeit dahin. Und die unserer Bürste.), zusammenklappbare Zahnbürsten, Zahnpasta und Duschgel in… Handtaschengröße eben. Ich persönlich habe ein Faible für UHTO, ungewöhnliche Handtaschen-Transport-Objekte. Meine Freundin Lu war immer fasziniert davon, dass ich in schöner Regelmäßigkeit eine Birne aus meiner Tasche zog. Nicht nur zum Frühstück, sondern auch abends beim Cocktailtrinken oder beim Shoppen. Ich bin eben gern vorbereitet und Obst ist gesund. Wenn man es denn isst. Manche Birnen fanden nach mehrtägigem Transport ihre letzte Ruhe im Bioeimer. Das letzte ungewöhnliche Objekt, das ich in meiner Tasche fand, war ein Plastiklöffel. Warum ich die Tatsache betone, dass er aus Plastik ist? Keine Ahnung, ich habe auch schon Gabeln und Messer aus Metall mit mir herumgetragen. Aus purer Vergesslichkeit, nicht, weil ich dachte, dass ich sie gebrauchen könnte. Es lässt sich aber nicht abstreiten, dass ein Löffel in der Tasche uns eines gibt: maximale Unabhängigkeit vor dem Kühlregal. 


Frohes Weiterkramen,
eure Foxy